Hamburg, meine verschlossene Perle

Die ehemals stolze Hansestadt ist im Frühjahr 2021 zu einer traurigen Trutzburg gegen Corona geworden. In keinem anderen Bundesland gibt es vergleichbar strenge Auflagen und strikte Beschränkungen. Ein Ende ist auf Wunsch des Stadtstaatregenten nicht in Sicht.

Es tut mir leid, dass ich meine Reisewarnung für Hamburg auf vorerst unbestimmte Zeit verlängern muss. Während die Nachbarbundesländer, allen voran Schleswig-Holstein, Einzelhandel und Gastronomie öffnen, bleibt Hamburg vorerst “meine verschlossene Perle”. Immerhin, seit heute (12. Mai) wird nicht mehr “weggefangen”, wer sich zwischen 21.00 und 05.00 Uhr auf der Straße befindet. Ansonsten bleibt vorerst der traurige Zustand auf ausdrücklichen Wunsch unseres uneingeschränkt herrschenden Stadtfürsten erhalten. Ich melde mich, wenn’s besser wird.

Mediendialog im Hamburger Rathaus: Tschentscher und Atalay | Bild: Hamburger Senat via Facebook

Peter Tschentscher hat zurzeit einen guten Lauf, zumindest medial. Der blasse Sozialdemokrat und 1. Bürgermeister der Freien- und Hansestadt Hamburg war unter anderem Gast  in den ZDF-Talkshows von  Markus Lanz am Dienstag (27. April 2021) und Maybrit Illner am Donnerstag (29. April 2012). Zwischendurch hatte Tschentscher am Mittwoch (28. April) noch zum so genannten “Mediendialog” in den – für die Öffentlichkeit seit über einem Jahr gesperrten – Festsaal des Rathauses eingeladen. Gekommen – oder wohl richtiger – engagiert dafür war die Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay, die dem Regenten genehme Fragen stellen durfte. Der Dialog wurde zum Tschentscher-Monolog und unter dem Siegel “Mediendialog” zu einer steuerfinanzierten PR-Veranstaltung für Hamburgs 1. Bürgermeister  ⇒ wie hier nachzusehen ist.

Auch bei dem sonst gegenüber seinen politischen Gesprächspartnern oft erfreulich bissigen Markus Lanz durfte sich Peter Tschentscher als unerschrockener Kämpfer gegen die Pandemie selbst darstellen. Auf kritische Fragen zur eigenwilligen Vorgehensweise des Hamburger Bürgermeisters, die eigentlich auf der Hand lägen, verzichtete Lanz, genau so wie dessen Talk-Kollegin Maybrit Illner am Donnerstagabend. Dort erhielt der Hamburger  zumindest Widerspruch von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der mit Inkraftreten des nachgeschärften Infektionsschutzgesetzes am Montag die wissenschaftlich begleiteten Schritte zur Normalisierung des Lebens in seiner Stadt vorerst einstellen musste. Tschentscher, der sich immer für bundesweit einheitliche Regelungen  stark gemacht hatte, legt dagegen das  Infektionsschutzgesetz nach eigenem Gutdünken aus. So mussten Hamburger*innen bis zum 12. Mai schon um 21.00 Uhr zu Hause sein, obwohl im Gesetz 22.00 Uhr bei 7-Tage-Inzidenzen über 100 vorgegeben ist. 

Das gibt es nur in Hamburg: Ausgangssperre von 21.00 bis 05.00 Uhr (bis 12. Mai) und “selbstgebaute” 7-Tage-Inzidenzen

A propos Sieben-Tage-Inzidenzen: Auch dabei hat Tschentscher seine eigenen Vorstellungen: Weil die vom Robert Koch Institut ermittelten Werte für Hamburg inzwischen die Grenze von 100 unterschritten haben, zieht Hamburgs 1. Bürgermeister “eigene strengere Werte” zur Beurteilung der Lage heran, wie er unter anderem bei Markus Lanz am Dienstag stolz verkündete. Nach Gründen und Grundlagen für diese eigenwillige Handhabung wurde er indes nicht befragt. Wegen solcher selbstherrlichen Entscheidungen, die regelmäßig ohne erkennbaren Widerstand  von seinem aus Sozialdemokraten und Grünen bestehenden Hamburger Senat  abgenickt werden, wird Tschentscher vom Volksmund längst als “Bonsai-Bonaparte” verspottet.  

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Ich kann nicht beurteilen, was den früheren  Oberarzt und Privatdozenten im Zentrum für Diagnostik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf  (UKE) antreibt: Ist es tatsächlich nur die Sorge um die Gesundheit seiner Bürger*innen? Oder kommt doch  Machtbesessenheit und/oder gar Mediengeilheit dazu? Wer in diesen Tagen in Hamburg unterwegs ist, kann aber überall sehen und spüren, was aus dieser wundervollen Stadt im Frühjahr 2021 geworden ist: Eine traurige Trutzburg gegen Corona, aus der die Lebensfreude einfach verschwunden ist. Tschentscher und die Mitglieder seines Senats sind einfach nicht willens den Hamburger*innen Perspektiven aufzuzeigen. Während sich der Bürgermeister in Talkshows und selbst inszenierten Presseterminen als “kompromissloser Politiker im Kampf gegen das Virus” (Lanz) feiern lässt, gehen weitere Existenzen zu Grunde, werden Hoffnungen zunichte gemacht und das Glück vieler Menschen zerstört. Ich bezweifele, ob das den an Covid Erkrankten und Hinterbliebenen von Corona-Opfern helfen wird. 

Wie lange Tschentscher Hamburg trotz der laut RKI zweitniedrigsten 7-Tage-Inzidenz aller Bundesländer (89,9 – Stand 1. Mai 2021) noch in der Corona-Starre verharren lassen will, verrät er vorerst nicht. Man werde nach Erreichen und Stabilisierung einer 7-Tage-Inzidenz von unter 100 – selbstverständlich nach eigenen Maßstäben – im Senat das weitere Vorgehen sorgfältig beraten, hatte er unter anderem bei Markus Lanz angekündigt. Vorerst gelten die Einschränkungen in Hamburg noch weitere drei Wochen bis zum 21. Mai. Wetten darauf, dass dann die verschlossene Perle wieder aufgeht, würde ich allerdings nicht eingehen. Also habt Geduld – ich gebe  Bescheid, wann ihr wieder in die schönste Stadt der Welt kommen könnt. 

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