Ein Viertel Fischmarkt

Nach 16 Monaten Corona-Zwangspause hat der Hamburger Fischmarkt seit Anfang Juli wieder geöffnet. Trotz verstummter  Marktschreier und deutlich verkleinertem Areal ist der Besuch am frühen Sonntagmorgen durchaus empfehlenswert. 

Es ist schöner, als ich erwartet habe. Zwar ist der Hamburger – oder ganz korrekt: Altonaer – Fischmarkt, was Größe und Unterhaltung anbelangt, zu einem viel kleineren Wochenmarkt geworden. Dennoch ist so einiges von der unverwechselbaren Atmosphäre am frühen Sonntagmorgen am Elbufer erhalten geblieben. 

Maskenpflicht auf dem Fischmarkt

Steckbrief Altonaer Fischmarkt, auch Hamburger Fischmarkt 

Sonntags: 05.00 – 09.30 Uhr, zwischen Landungsbrücken und Fischauktionshalle | ÖPNV: U3, S1, S2, S3 bis Landungsbrücken, Fußweg ca. 800 m;  Maskenpflicht (FFP2 oder OP-Maske) auf dem Gelände | Verzehr nur außerhalb des Geländes | Kaufen: Fisch und Fischbrötchen, Obst und Gemüse, Blumen  

Der freundliche Mann vom Bezirksamt Altona am Zugang zum Fischmarkt ist bester Laune. Seit der Wiedereröffnung am 4. Juli gebe es so gut wie keine Probleme, sagt er mir. Und die Leute würden tatsächlich ihren Müll in die dafür vorgesehenen Behälter werfen mit der Folge, dass die Müllleute kaum noch etwas zu tun hätten. Nun gut, es hat sich viel geändert, seitdem das “Original” des Fischmarkts am 8. März 2020 das letzte Mal geöffnet hatte. Jetzt gibt’s keine Marktschreier mehr und auch keine Live-Musik in der Fischauktionshalle. Die Zahl der Marktbeschicker, wie hier die Händler genannt werden, ist von 120 auf etwa ein Drittel geschrumpft, wie mir der freundliche Ordnungshüter verrät, auch wenn in den Medien immer wieder “von der Hälfte” die Rede ist. Die Fläche, auf der die einstige Touristenattraktion jetzt begrenzt ist, gleicht einem gewöhnlichen Wochenmarkt. Es ist kaum noch ein Viertel des früheren Areals übrig geblieben, sagt er mir noch schnell, bevor er zwei Pärchen freundlich ermahnt, ihre “Schnutenpullis” überzuziehen: “Sonst seid ihr auf dem Fischmarkt underdressed!”   

Ganz schön was los beim Holländischen Blumenkönig

Einige Originale gibt es noch

An manchem Sonntagmorgen sollen früher bis zu 70.000 Besucher*innen hierher gekommen sein, ist auf der offiziellen Website der Stadt Hamburg nachzulesen. Darunter waren vor allem Touristen und nicht wenige Nachtschwärmer, die  den im Sommer ab fünf Uhr morgens geöffneten Markt für ein erstes Frühstück nutzten, bevor sie ins Bett gingen. Egal, ob Nachtschwärmer, neugierige Touristen oder sonntägliche Einkäufer aus Hamburg und dem Umland: Alle kennen und schätzen die berühmten Marktschreier wie Aale-Dieter, Bananen-Fred, Käse-Tommi oder den Holländischen Blumenkönig. Soweit sie heute da sind, müssen sie sich ruhig verhalten, um nicht ihre Marktkonzession einzubüßen. Dennoch, beim Holländer, dessen Verkaufsstand wie eine Gärtnerei wirkt, werden ganz schön viele Blumen und anderes Grünzeug kübelweise abgeschleppt. Und Aale-Dieter, der berühmteste unter den Marktleuten, posiert auch mit Schnutenpulli für gemeinsame Fotos mit Touristinnen.

Aale-Dieter mit Schnutenpulli

Marie und Verena treffe ich außerhalb des hinteren Marktausgangs in Richtung Fischauktionshalle. Sie haben sich auf der Kaje niedergelassen und futtern Matjesbrötchen. Für die beiden jungen Damen ist der Fischmarkt bislang der Höhepunkt ihres ersten Wochenendbesuchs in der Hansestadt. Sie sind aus Herten im Ruhrgebiet angereist, um nach der langen Zeit mit coronabedingten Einschränkungen und Entbehrungen endlich wieder mal ein paar schöne Tage zu verleben, wie sie mir erzählen. Doch die Enttäuschung sei ganz schön groß gewesen, als sie am frühen Freitagabend in ihrem Hamburger Hotel ankamen und das Merkblatt mit den Corona-Regeln lasen. „Das ist ja hier alles viel strenger, als bei uns zu Hause in NRW.“ Sie hätten zwar nicht erwartet, nächtelang in Discos durchtanzen zu können. „Aber dass man in Restaurants einen Test haben muss, wenn man drinnen sitzen will, hat uns schon geschockt“, erzählen sie mir. Dann beißen sie wieder kräftig von ihren Fischbrötchen ab und ich gehe noch einmal die knapp 200 Meter über das Viertel des ursprünglichen Fischmarkts zurück in Richtung Landungsbrücken.

Touristin mit Fischbrötchen außerhalb des Fischmarkts

Endspurt auf dem Fischmarkt

Inzwischen ist es schon weit nach 09.00 Uhr und ich muss noch Inges Einkaufszettel abarbeiten. Jetzt, kurz bevor pünktlich um 09.30 Uhr die Marktbeschicker nach einer Lautsprecherdurchsage den Verkauf abrupt stoppen müssen, sind vor allem bei den Obstständen noch Schnäppchen drin. Ich bekomme eine ganze Trage voll Aprikosen für 3,50 Euro und zwei Kilo Kirschen für 4,00 Euro. Preisgünstiger geht’s kaum. Dazu muss man wissen, dass in manchen Hamburger Stadtteilen Preise für Kirschen durchaus 100-Grammweise ausgezeichnet werden. Später erhalte ich  großes Lob von meiner Frau für die wohlschmeckenden Schnäppchen, die ich in der U-Bahn mühevoll nach Hause transportiere.

Verlassene Fischauktionshalle

Bevor es soweit ist, will ich aber unbedingt noch ein Matjesbrötchen und einen Kaffee auf dem Markt bekommen. Ohne diese eigenwillige Kombination zum Frühstück wäre der Fischmarktbesuch für mich  unvollständig. Obwohl – gefühlt – an jedem zweiten Stand Fisch verkauft wird, ist es angesichts des näher rückenden Marktendes gar so einfach, das begehrte Brötchen zu bekommen. Offensichtlich hat jetzt ein Großteil der Besucher*innen Hunger auf Hamburgs besten Snack bekommen. Zumindest bilden sich vor den Fischverkäufer*innen regelrechte Menschenschlagen. Als ich dran bin, sehe ich keinen Matjes mehr in der Auslage und frage verunsichert nach der begehrten Heringsvariante. Die Antwort der drallen Verkäuferin ist typisch hamburgisch: „Wir haben alles, außer Geld.“

Der Name ist Programm: Auf dem Fischmarkt gibt's vor allem Fisch

Kein Kaffee im Rastafari-Look

Die zwei Kilo Kirschen habe ich in meinem Rucksack verstaut und das Matjesbrötchen balanciere ich auf der Aprikosenkiste vor mich her. So, jetzt noch einen Cappuccino von Jessy, dem Barista im Rastafari-Look, der mit seinem Kaffeewagen gegenüber vom Ausgang steht. Doch Jessy springt ganz unruhig vor seinem Wagen rum und bittet die wartende Kundschaft um Entschuldigung. Die mit Goldbeschlägen umrandete Espresso-Maschine ist ausgefallen. Ein paar Meter weiter bekomme ich dann doch noch meinen Sonntagskaffee – und den auch noch besonders liebevoll zubereitet. Die Chefin der rollenden Kaffeebude will mich dann noch für ihre Gebäckstücken zum halben Preis begeistern. Aber ich habe ja schon das Matjesbrötchen zum Frühstück. Mehr geht nicht.

Jessy vor seinem Kaffeewagen

Als ich das abgegrenzte Marktgelände verlassen habe, finde ich schnell eine leere Parkbank oberhalb des Wohnwagenparkplatzes. Erst hier darf ich in mein Brötchen beißen, weil der Verzehr von Lebensmitteln auf dem Fischmarkt von Amtswegen untersagt ist, wie auf den Schildern steht, auf denen auch etwas von Maskenpflicht und Abstandsregeln zu lesen ist. Immerhin: „Wenn jemand den Schnutenpulli schnell mal runterzieht, um schnell mal an einer Wurst oder einem Fischbrötchen abzubeißen, sagen wir nichts“, hatte mich der Mann vom Altonaer Bezirksamt zu Beginn meines Besuchs beruhigt.

Mir tut es leid für die Marktbeschicker

Während ich jetzt außerhalb des Geländes auf das Kreuzfahrtschiff AIDAmar im Dock bei Blohm + Voss blicke, frühstücke ich ganz legal. Dabei frage ich mich, warum die Volksvertreter in der Bezirksversammlung Altona und die Expert*innen um die „grüne“ Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg 16 Monate dafür brauchten, um ein Hygiene-Konzept für den Fischmarkt zu erarbeiten, zu verabschieden und in die Tat umzusetzen. Die hier getroffenen Maßnahmen sind nichts anderes als die Regelungen, die auf jedem Hamburger Wochenmarkt schon lange gelten. Und die mussten während der gesamten Pandemie niemals schließen. Mir tut das vor allem leid für die Marktbeschicker, die in der Vergangenheit viel mehr für Hamburgs guten Ruf getan haben, als so mancher Politiker. 

So "geht" Matjesbrötchen auf dem Fischmarkt