4. St. Petersburg: Russlands Schatzkiste

Unsere zwei Tage während der Weißen Nächte in der nördlichsten Millionen Stadt der Welt waren aufregend, erlebnisreich und manchmal auch etwas hektisch. Diesmal hatte St. Petersburg neben den unglaublichen Bauwerken und Schätzen aus der Zarenzeit auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft  zu bieten. Das Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien fand nur gut zwei Kilometer Luftlinie vom Mein Schiff 1-Liegeplatz im neu erbauten St. Petersburg-Stadion statt | Direkt zu den Tipps für St. Petersburg

Das für die WM neu erbaute St. Petersburg Stadion

Svetlana hatte an diesem Dienstag keinen leichten Job. Unsere örtliche Reiseleiterin musste unsere Gruppe irgendwie durch St. Petersburg schleusen. Angesichts der noch anhaltenden Weißen Nächte, die traditionell viele Russen in die nördliche Metropole locken, insgesamt sechs Kreuzfahrtschiffen in den beiden Häfen mit Tausenden erlebnishungrigen Passagieren und dem bevorstehenden WM-Halbfinale mit Fans aus Frankreich, Belgien und vielen anderen Ländern, war das alles andere als eine einfache Herausforderung, die die etwa 50jährige, kleine und drahtige Frau mit Bravour löste. Als offiziell eingesetzter  „TUI Cruises Ausflugsexperte“ wurde ich mit einem Clipboard und der Vorgabe ausgestattet, immer am Ende zu gehen, damit keiner aus der 30-köpfigen Gruppe verloren geht. Um ehrlich zu sein, war ich am Ende heilfroh, dass ich selber nicht abhanden kam. „Meine Gäste“ haben gut auf mich aufgepasst. 

Der frühere Winterpalast ist das Zentralgebäude der Eremitage

Unsere Tagestour hatte den Titel  „Das Gold der Zaren“ und hielt trotz WM-Trubel das, was den Gästen in der Ausflugsbeschreibung zuvor versprochen wurde: Vor der Eremitage, der wohl wichtigsten Sehenswürdigkeit in St. Petersburg, mussten wir trotz endloser Schlangen kaum zehn Minuten warten, dann hatte uns Svetlana auch schon durch den Haupteingang im ehemaligen Winterpalast der Zaren gelotst. Es folgten Besichtigungen der Schatzkammer und ein Rundgang durch die Galerien großer italienischer, spanischer und holländischer Meister. Wir sahen Werke von Leonardo da Vinci, Cezanne, Picasso, Monet, van Gogh, Rembrandt und weiteren herausragenden Malern aus unterschiedlichen Epochen und Kunstrichtungen. Man bräuchte wohl mehr als eine Woche, um behaupten zu können, die Eremitage mit mehr als 60.000 Exponaten „gesehen“ zu haben. Dank Svetlanas sachkundiger Führung erhielten wir zumindest einen guten ersten Eindruck von den unermesslichen Kunstschätzen, die hier ausgestellt sind.

Svetlana (Mitte mit Schild) mit unserer Gruppe in der Eremitage

Bei der anschließenden Mittagspause mochten die „typisch russischen Gerichte“ mit dem obligatorischen Wodka nicht so recht zum hochmodernen Ambiente im Dachgeschoss eines kleineren St. Petersburger Einkaufszentrums passen. Eiersalat, Bortsch (Suppe) und Bœuf Stroganoff schmeckten etwas „farblos“, stillten aber den Hunger der Ausflügler. Nach gut einer Stunde mit anregenden Tischgesprächen ging’s weiter zu Fuß in Richtung Blutkirche. Vor Erreichen des Kirchenbauwerks musste allerdings erst einmal die riesige WM-Fanmeile durchquert werden, die direkt an das Kirchenbauwerk grenzte. 

Fußball-WM-Fanmeile an der Blutkirche​

Die auch Auferstehungskirche genannte Blutkirche wurde auf dem Platz am Gribojedow-Kanal errichtet, auf dem  Zar Alexander II. nach einem Attentat am 1. März 1881 tödlich verblutete. Der im Jahr 1912 fertiggestellte Kirchenbau wurde nach dem Vorbild der Moskauer Basilius-Kathedrale gestaltet. Während des 2. Weltkrieges traf eine Bombe die große Kuppel, ohne jedoch zu explodieren. Die Bombe konnte jedoch erst lange nach Kriegsende entschärft werden. Heute ist die Blutkirche vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen Mosaike ein touristischer Anziehungspunkt. 

Isaakskathedrale mit der Schlossbrücke im Vordergrund

Dann lotste uns Svetlana durch den – an sich gesperrten – Park des Michailowski-Palastes zu unserem Ausflugsboot, das ganz in der Nähe des St. Petersburger Zirkusbaus auf uns wartete. Während der Bootstour hinaus auf die Newa, dem Fluss an dessen Delta Zar Peter der Große ab 1703 St. Petersburg errichten – und schließlich durch die Fronarbeit Hunderttausender Leibeigener zur russischen Hauptstadt ausbauen ließ. Vom Boot aus sahen wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten – einige ganz aus der Nähe wie den Panzerkreuzer Aurora und die Peter und Paul Festung, andere nur aus der Ferne – wie die mächtige goldene Kuppel der Isaakskathedrale.  

Die berühmten Kaskaden am Peterhof

Schade, dass das Wetter am ersten Tag des Aufenthalts in St. Petersburg nicht so ganz „mitspielen“ wollte. Es gab zwar nicht den gefürchteten Petersburger „Langzeitregen“, dennoch war’s recht trübe. Am zweiten Tag strahlte dann die Sonne – so wie wir’s auf dieser Kreuzfahrt schon „gewohnt“ sind. Gäste, die Ausflüge in die Umgebung zum Peterhof und/oder zum Katharinenschloss in Puschkin machten, strahlten fast so wie die vergoldeten Skulpturen vor den Palästen, als sie am späten Nachmittag an Bord zurückkehrten und von den Kunstschätzen und Prachtbauten nur so schwärmten. 

Das Lakhta Center ist das höchste Gebäude Europas

Als wir mit Mein Schiff 1 am Mittwochabend gegen 19.00 Uhr den Hafen verließen, fiel der Blick vieler Gäste noch einmal auf das gigantisch hohe Bauwerk, unweit des neuen St. Petersburg-Stadions. Das Lakhta Center, ein künftiger Bürokomplex mit Freizeiteinrichtungen, gehört dem russischen Energieriesen Gazprom und ist mit 462 Metern schon jetzt das höchste Gebäude Europas. Die eigenwillige Form des modernen Bauwerks ist einer züngelnden Flamme nachempfunden. Fertiggestellt wird der Komplex wohl frühestens Endes des Jahres. Der aus St. Petersburg stammende russische Präsident Wladimir Putin soll allerdings persönlich darauf bestanden haben, dass der Prestigebau rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft zumindest von außen wie fertig erscheint. Damit hat St. Petersburg nun auch den ersten „Potjomkinschen Wolkenkratzer“ – vermutlich weltweit.

Tipps für St. Petersburg

Stand der Informationen: 15. Juli 2018. Alle nachfolgenden Angaben wurden vor Veröffentlichung sorgfältig geprüft. Eine Gewähr für die Richtigkeit bzw. Aktualität (z.B. von Öffnungszeiten und/oder Eintrittspreisen) kann nicht übernommen werden. Falls Sie falsche bzw. unvollständige Informationen entdecken, schicken Sie mir bitte eine an@horst-mueller.de

(1) Marine Facade: Hafen für große Kreuzfahrtschiffe mit 7 Liegeplätzen auf der Ostseeseite der Wassiljewski-Insel. Entfernung bis ins Stadtzentrum (Eremitage): 8 Kilometer | Taxistände und Geldwechselautomaten befinden sich in den Erdgeschossen der Terminals | zeitaufwendige Einreisekontrolle | weitere Infos 

(2) Lakhta Center und St. Petersburg Stadion: Die beiden modernen, gigantischen Bauwerke sind beim Ein- und Auslaufen sowie bei entsprechender Schiffsgröße vom Liegeplatz aus zu sehen. Der vom russischen Energiekonzern Gazprom gebaute Büro- und Freizeitkomplex Lakhta-Center soll bis Ende 2018 endgültig fertiggestellt werden. Mit 462 Metern ist es bereits jetzt das höchste Gebäude Europas. Zwischen Hafen und Lakhta Center liegt auf der Krestowski-Insel das eigens für die Fußball-WM 2018 erbaute St. Petersburg Stadion, das 69.000 Zuschauer fasst und etwa eine Milliarde Euro gekostet haben soll. 

(3) Historisches Zentrum von St. Petersburg: Damit ist das innere Stadtgebiet von der  Isaakskathedrale im Süden über Eremitage und Schlossbrücke bis zur Peter und Paul Festung gemeint. Hier befinden sich die wichtigsten Bauwerke und historischen Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg, darunter auch die Blutkirche und die Kasaner Kathedrale. Sehens- und erlebenswert ist auch die Haupteinkaufsstraße Newski Prospekt – zwischen Anitschkow Brücke am Fluss Fontanka und der Schlossbrücke an der Newa. | weitere Infos 

(4) Peterhof: Die 1723 – zwei Jahre vor dem Tod Peter des Großen – eingeweihte, prunkvolle Palastanlage liegt 30 Kilometer außerhalb von St. Petersburg am Finnischen Meerbusen. Palast und Meer sind durch einen 400 Meter langen Kanal miteinander verbunden. Die Große Kaskade ist auch heute noch das bekannteste Fotomotiv des Peterhofs und womöglich auch der gesamten Petersburger Region mit ihren unzähligen Kunstschätzen | weitere Infos

(5) Katharinenpalast: Der Katharinenpark mit dem Katharinenpalast in der Stadt Pushkin, 25 Kilometer südlich von St. Petersburg, wurde im Auftrag von Zarin Katharina I. zwischen 1718 und 1724 angelegt. Um den weiteren Ausbau kümmerten sich Zarin Elisabeth und schließlich Katharina die Große. Besonders sehenswert sind die 306 Meter lange Front des Palastes und seine prunkvollen Räumlichkeiten. Eine weitere Attraktion ist der Nachbau des Bernsteinzimmers, die im Rahmen der 300-Jahr-Feier von St. Petersburg im Jahr 2003 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder an den russischen Präsidenten Wladimir Putin übergeben wurde | weitere Infos

Weitere Infos zu St. Petersburg

Historie und Status: Die Gründungsgeschichte von St. Petersburg ist außergewöhnlich. Das beginnt schon beim Namen der Stadt. Anders als häufig angenommen wird, hat Peter der Große die Stadt nicht nach sich selbst benannt, sondern nach seinem Schutzheiligen, dem Apostel Simon Petrus. Peter der Große erklärte 1712 St. Petersburg zur neuen Hauptstadt des russischen Reiches. Nur neun Jahre zuvor wurde im Jahr 1703 damit begonnen, die neue Hauptstadt auf- und auszubauen. Die Stadt hatte ihren Ursprung an der Peter und Paul Festung. Der Zar wollte mit diesem Standort an der Newa-Mündung einerseits den Zugang Russlands zur Ostsee sichern, andererseits das Eindringen fremder Mächte, insbesondere der Schweden, verhindern. 

Dafür wurden nach Überlieferungen bis zu 70.000 Leibeigene aus anderen Teilen des Riesenreichs zwangsrekrutiert, Zehntausende starben bei den Aufbauarbeiten. So hart Peter die eigene Bevölkerung beim Aufbau der neuen Hauptstadt traktierte, so umsichtig sorgte er dafür, dass handwerkliches Können und Wissen aus dem Ausland in sein Reich kam. Peter ließ Handwerker und Ingenieure aus ganz Europa kommen, die die neue Hauptstadt von Anfang an zu einem Zentrum europäischer Technik und Wissenschaft machen sollten. Abgesehen von einer kleinen Unterbrechung zwischen 1728 bis 1732 blieb St. Petersburg bis 1918 Hauptstadt des russischen Zarenreichs. Nach dem Tod Lenins wurde die Stadt 1924 in Leningrad umbenannt. 

Während der Blockade Leningrads durch Deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg verloren Schätzungen zufolge 1,1 Millionen Menschen ihr Leben, die meisten fanden den Hungertod. Nach dem Krieg wurde die Stadt – nicht zuletzt wegen ihrer vielen historischen Sehenswürdigkeiten – das Kunst- und Kulturzentrum der Sowjetunion. Mit Auflösung der UdSSR und Eingliederung in die Russische Föderation wurde aus Leningrad wieder St. Petersburg mit inzwischen 4,9 Millionen Einwohnern. Damit ist die Metropole an der Newa zweitgrößte Stadt Russlands und viertgrößte Stadt Europas.

Zahlungsmittel und Preise: Offizielles Zahlungsmittel ist der Rubel, der an Wechselstellen und Automaten in den Kreuzfahrtterminals am Hafen gegen Euro und US-Dollar eingetauscht werden kann. Wichtig: Es dürfen keine Rubel aus Russland wieder ausgeführt werden. Der Rücktausch ist wenig sinnvoll, weil dieser mit hohem bürokratischem Aufwand und erheblichen Verlusten verbunden ist. Im Sommer 2018 lag der offizielle Umrechnungskurs bei 75 Rubel für 1 Euro. Rubel benötigen Sie, wenn Sie öffentliche Verkehrsmittel nutzen wollen. Vielfach werden in der Stadt auch Euro akzeptiert – allerdings zu deutlich schlechteren Umrechnungskursen. Alternativ kann in Restaurants und Geschäften häufig auch mit Girocard (Electronic Cash) oder Kreditkarte bezahlt werden. Wichtig: Geben Sie Ihr „Plastikgeld“ niemals aus der Hand. 

Das Preisniveau für typische touristische Leistungen – wie Mahlzeiten in Restaurants, Café, Taxi, private Reiseführer etc. – ist in den Sommermonaten in St. Petersburg recht hoch – und in etwa mit dem Niveau deutscher Großstädte zu vergleichen. Für importierte Konsumgüter müssen wegen der anhaltenden Wirtschaftssanktionen der EU sogar ausgesprochen hohe Preise bezahlt werden. Günstig sind dagegen weiterhin Eintrittspreise in Museen, historische Sehenswürdigkeiten und Theater. Wenn Sie solche Aktivitäten auf eigene Faust machen, müssen Sie jedoch häufig mit langen Wartezeiten rechnen – oder Sie erhalten wegen des Andrangs gar keinen Zutritt, z.B. in der Eremitage. 

Visum, Verkehr und Sicherheit: Auf eigene Faust können Sie in St. Petersburg nur unterwegs sein, wenn Sie ein gültiges Visum haben. Das kann am besten über Visa-Agenturen – wie Servisum – ca. vier Wochen im voraus beantragt werden. Wer Ausflüge in St. Petersburg an Bord bucht – oder wer Exkursionen privat vorab bei einer örtlichen Agentur bestellt hat, erhält das Visum mit dem Ausflugsticket.

In St. Petersburg sollte man – wenn Zeit und Gelegenheit vorhanden – mit der Metro fahren. Es ist eine der schönsten U-Bahnen der Welt, wobei die Stationen im historischen Zentrum schon eher wie Museen oder Kunsthallen erscheinen. Wegen des Sumpfes im Newa-Delta wurde die Metro mit bis zu 75 Metern so tief gelegt, wie keine andere auf der Welt. Vom Schiffsterminal aus ist die nächste Station 2,3 Kilometer (Fußweg) entfernt und heißt „Primorskaya“, wo die Metro Linie 3 (grün) hält. Zu Fuß braucht man etwa eine halbe Stunde oder man nimmt am Terminal ein Taxi. Mit der Metro Linie 3 ist das Stadtzentrum, zum Beispiel an der Station „Newski Prospekt“ gut zu erreichen. Mit dem Bus würde ich wegen „Umsteigereien“ nicht vom Schiff in das Zentrum von St. Petersburg fahren.

Keine Angst vor Landgängen in St. Petersburg. Die Zeiten, als in den 1990ern auch Touristen vor Überfällen in der Newa-Metropole nicht sicher waren, sind längst vorbei. Allerdings sollten Sie auch in St. Petersburg die übliche Vorsicht vor Taschendieben und Betrügereien walten lassen (Wechselgeld kontrollieren, keine Girocards oder Kreditkarten aus der Hand geben).

Katharinenpalast in Puschkin aufgenommen von der Parkseite im Mai 2016 | Autor: Je-str | CC BY-SA 3.0